Der Wald
Als ich jung war, streifte ich des öfteren Ziellos durch meinen Wald. Es war "mein" Wald, weil das Haus meiner Eltern direkt an den Wald grenzte. Es war mein Wald, weil ihn niemand so gut kannte wie ich.
Es war ein ausserordentlicher Wald. Gewachsen auf den Trümmern eines Bergsturzes, war er voller riesiger Steinsbrocken und überaus hügelig. Es gab viele versteckte Wege und Höhlen, die ich allesamt mindestens einmal betrat.
Ich verbrachte grosse Teile meiner Kindheit in meinem Wald. Meinen ersten Liebeskummer erlitt ich darin, meine erste Zigarette rauchte ich auf der Krone eines grossen Ahornbaums. Ich wusste nicht viel von der Welt. Aber wenn es schon vor meiner Haustür sowas schönes gab, dann musste die Welt unglaublich sein.
Wie ich alterte, verlor ich das Interesse. Ich betrat den Wald nicht mehr. Und wenn, dann rauchte ich nur heimlich einen Joint und ging dann gleich wieder. Längst hatte ich keine Zeit, oder wollte sie mir nicht nehmen.
Ich begann zu arbeiten und meine Freizeit zu verschwenden, denn für was anderes fehlte mir immer öfters die Kraft. Nächtelang sass ich bekifft am Computer, dichtete, hörte Musik und lenkte meine müden Augen auf Trivia in den grossen Weiten (und seichten Tiefen) des World Wide Webs.
In diesen Jahren schlugen Arbeiter Schneisen in den Wald. Der Nachbar und Unternehmer gegenüber begann eine Forststrasse zu bauen um den Wald zu roden. Dazu kaufte er den Wald dem alten Besitzer ab, welcher sich bis dahin um den Wald kümmerte und selbst oft darin unterwegs war. Der Alte war nicht mehr Recht bei Sinnen und so verkaufte er den Wald weit unter Wert an einen Menschen weit unter seinem Niveau.
Die Bäume wurden stetig weniger. Auf dem einst nur von Tannnadeln bedeckten Waldboden wucherte nun Dornengestrüpp. Der sich lichtende Wald pflegte niemand mehr. Mit den Jahren wurde er hässlich und unpassierbar. Müll sammelte sich in den versteckten Höhlen.
Der Wald war kein Amazonas. Mein Nachbar kein Teufel. Die Geschichte ist keine Metapher. Ich bin kein Umweltschützer und es macht mich auch nicht traurig. Doch sehe ich den neuen geschmacksvoll eingerichteten Wintergarten gegenüber, dann weiss ich, dass ich im Falle einer Revolution der Erste bin, der dem verfickten Wichser sein beschissenes Haus niederbrennt!
Hoffentlich lebt er solange.



