Pornos gegen Vergewaltigungen?
In den USA sorgt die rasante Abnahme von Vergewaltigungen für Diskussionsstoff. Sexuelle Gewalt hat in den letzten 25 Jahren um 85% (sic!) abgenommen. Einige Blogger verweisen darauf, dass sich im gleichen Zeitraum das Internet ausgebreitet und damit die Anzahl verfügbarer Pornographie rapide vervielfacht habe. Pornographie helfe Männern "Druck abzubauen", wodurch sie sexuelle Gewalt nicht mehr interessiere. Das bestätigt Porno-User und bringt Konservative zur Weissglut.

Bei der Frage, ob die Ausbreitung von Pornographie sexuelle Gewalt eindämmt, wird etwas ganz wichtiges vergessen. Pornos sind nicht selten Aufnahmen von Vergewaltigungen. Prominentes Beispiel ist der vielzitierte Film "Deep Throat", der 1972 in den Mainstream Einzug hielt:
Linda, etwa 20 Jahre alt, hat sexuelle Probleme. Angeblich hatte sie noch nie einen Orgasmus. Auch ihre Freundin Helen kann nicht weiterhelfen und der von ihr für Linda organisierte Gruppensex befriedigt nur sie selbst. Daraufhin wird Linda zu Dr. Young geschickt, der mittels eines Fernrohrs feststellt, dass Linda keine Klitoris hat – zumindest nicht da, wo andere Frauen sie haben. Er findet den verschollenen Kitzler aber bald darauf in Lindas Kehle, woraufhin sie ihre Erfüllung per Oralsex sucht und auch findet.(http://de.wikipedia.org/wiki/Linda_Lovelace)
Hauptdarstellerin Linda Boreman (aka Linda Lovelace) hat mehrmals Vergewaltigungen am Set durch ihren damaligen Ehemann Chuck Traynor beschrieben, der sie zur Heirat zwang.
Meine Einführung in die Prostitution war eine Gruppen-Vergewaltigung durch fünf Männer, arrangiert von Mr. Traynor. Es war der Wendepunkt in meinem Leben. Er drohte mich mit der Pistole zu erschiessen, wenn ich nicht mitmachen würde. Ich hatte niemals zuvor Analsex und es riss mich auseinander. Sie behandelten mich wie eine Gummipuppe, sie hoben mich hoch, trugen mich hier hin, dorthin. Sie spreizten meine Beine nach Belieben, pressten ihre Dinger an und in mich, spielten "Reise nach Jerusalem" mit Teilen meines Körpers. Niemals zuvor war ich so ängstlich, geschändet und erniedrigt in meinem Leben. Ich fühlte mich wie Müll. Ich nahm an pornographischen Akten gegen meinen Willen teil, um nicht getötet zu werden...Das Leben meiner Familie war bedroht.(Linda - frei übersetzt von http://en.wikipedia.org/wiki/Linda_Lovelace)
Nun gibt meines Wissens keine Zahlen zu Vergewaltigungen in der Porno-Industrie, vielleicht weil die Linie zwischen Vergewaltigung und "Arbeit" in diesem Business eine sehr dünne ist. Ich habe das Buch nicht zur Hand, aber in "Pornified" von Pamela Paul, wird diese Seite der Industrie anhand von Beispielen ausführlich beschrieben. Sex-Arbeit ist prekär und oftmals unmenschlich.
Davon ausgehend, kann man sich den Jubel ob dem Rückgang sexueller Gewalt sparen. Denn weder die Porno-Industrie, noch die Prostitution liefern Daten, die zum Interpretieren dieses Rückgangs nötig wären. Wichtige Fragen werden nicht gestellt:
- Ab wann ist Sex mit einer Prostituierten eine Vergewaltigung. Bzw. ab wann wird sie als solche statistisch erfasst?
- Wieviel mehr Frauen arbeiten in der Zwischenzeit in der Sex-Industrie und wie ist ihre Situation dort?
- Ist die Ausbreitung von Pornos ein Ausbreitung von Softcore oder Hardcore-Material?
- Ist der Sexismus damit zurückgegangen?
Zumindest die letzte Frage muss eindeutig mit Nein beantwortet werden. Die Geschlechter-"Wissenschaft" feiert ein Revival. Die Auffassung von Mann und Frau als vermeintlich eindeutige Geschlechter, die sich gegensätzlich gegenüberstehen, ist weit verbreitet.
Ich bin kein Statistiker. Aber ich bin doch immer wieder überrascht, wie blind sich viele Menschen an Statistiken wagen, die ein komplexes Feld sind. Die Bullshit Alarm-Glocken müssten hier bei jedem Läuten. Wenn für den Sinkflug der einen Kurve der Steigflug der anderen hinhalten muss, könnte man nicht einfach die Kurve der Klimaerwärumg für alle sinkenden Kurven heranziehen? Vielleicht ist die Klimaerwärumg die Ursache weil.. Vergewaltigungen.. was weiss ich.. passieren weil Männer kalt haben?! Also bitte.
Es ist durchaus interessant, dass die sexuelle Gewalt in den USA rückläufig ist. Es macht Sinn, das zu Untersuchen. Ohne Sexismus-Diskussion ist die ganze Chose aber so sinnentleert wie Dialoge in Schmuddelfilmen. Wobei diese Dialoge wenigstens noch zum nächsten Akt überleiten.



