Das Stubenhocker-Manifest
Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des nimmermüden Partygängers. Menschen aller Couleur verbünden sich zu einer homogenen Meute, mit dem gemeinsamen Ziel, die Woche, den Alltag, das Ganze und Falsche im hedonistischen Rausch zu ertränken. Das Gespenst verachtet Drückeberger und Langeweiler, Stubenhocker und Trübsalblaser. Wer Fragen stellt wird mit Verachtung bestraft.
Es wird Zeit für die Ghostbuster dieser Welt, sich gegen diesen Schein der Glückseligkeit zu vereinigen!
Discos und Bars sind das Mekka eines jeden halbwegs sozialen Wesens. Genau genommen ist es das Hardcore-Mekka. Denn einmal im Leben hingehen reicht nicht. Jedes Wochenende, vor jedem Feiertag und jedes Mal wenn jemand den Gedanken äussert, muss die Reise unternommen werden. Hinein ins Vergnügen, auf zur Lust, zur Freiheit oder besser: zum Einheitsbrei. Egal ob Grossstadt oder 1000-Seelen Kaff. Jeder muss weg, muss raus, muss irgendwohin. Ein Dogma, dem kein gesunder Mensch widersprechen sollte.
Man könnte meinen, "Jedem das Seine" würde das Thema abhacken. Doch jeder, der es schon einmal gewagt hat, vor anderen auf sein Recht auf Party zu verzichten, weiss was passiert:
Von ungläubigem Glotzen zu hasserfülltem Keifen zu mitleidigem Kopfschütteln fläzt es einem die ganze Palette menschlicher Abscheu entgegen. "Du Langeweiler!", "Komm doch auch es wird super toll", "Pfft, na dann bleib doch zuhause, du Loser" - Es gäbe hundert Beispiele.
Es kommt einem Christusmord gleich, das Nachtleben als das zu Brandmarken was es in 99% der Fälle ist: Ödes Saufen bei viel zu lauter Musik mit Gestalten die rumhängen, weil sie eben immer rumhängen. Allzu Oft bleibt es bei langweiligen Gesprächen mit langweiligen Menschen. Wer hat schon was zu erzählen, nach einer Woche Arbeit?
Man lacht in Ekstase mit Menschen, die man bei Tageslicht noch nicht mal um Feuer bitten würde. Es kommt zu Schlägereien und Randale - was zwar wirklich lustig sein kann - doch nie bleibt ein wirkliches Gefühl der Befriedigung. Es kann alles passieren. One-Night Stand, grosse Liebe, leuchtende Momente - doch letztlich bleibt nichts. Erinnerungen an die besten Abende gibt es nicht. Wenn ich weiss wo ich bin war die Party scheisse rappt K.I.Z passend.
Es braucht keine sensible Seele, um zu verstehen, wieso alle den Rausch suchen. Zu finden gibt es trotzdem nichts. Flatrate-Partys sind nur die schwache Spitze eines einerlei gedimmten, reizlosen und langweiligen Lebens im grauen Kapitalismus. Keine Droge, kein Rausch der Welt kann das ändern. Es bleibt nur die Illusion.
Die wirkliche Tragik des Zwangs rauszugehen, zu erleben, zu konsumieren ist die: Dadurch dass jedeR jedes Wochenende rausgeht, verliert das Erlebnis auf Piste an Wert. Es sind die Leute die jeden Samstag weggehen, die man gemeinhin antrifft, anstelle derer die einfach Lust hatten rauszugehen.
In diesem Sinne: Mögen die saufenden Rampensäue vor den langweiligen Stubenhockern zittern. Die Langeweiler haben nichts zu verlieren als das soziale Ansehen. Sie haben eine Welt voller intelligenter Abende mit wortgewandten Menschen zu gewinnen.
P.S.
Allen Trends zum Trotz gibt es einen Event, der mit erstaunlicher Kontinuität eine gehaltvolle Alternative zu öden Discobesuchen darstellt: Der "Jour Fixe" der Gruppe Eiszeit, jeden ersten Freitag im Monat in Zürich. Näheres dazu auf eiszeit.tk - Die Kritik in diesem Text wendet sich explizit NICHT an diesen wundervollen Anlass.



