Wie es war, in Äthiopien
Wenn man in Addis Abeba landet, merkt man von Afrika nicht viel. Der Flughafen ist gerade neu gebaut worden und sieht eigentlich wie ein ganz normaler europäischer Flughafen aus. Der Flughafen ist tatsächlich so gut, dass er als Hub für Afrika und den nahen wie fernen Osten dient. Sogar der A380 konnte auf seinen guten Pisten landen.
Der erste etwas andere Eindruck, ist der Flughafenmitarbeiter der uns händeringend in den Transit verschieben will. Wir wollen bleiben. Wie er unser Ansinnnen erkennt, lächelt er, freut sich wirklich. Wie wir Deutsche treffen, die zwei Jahre vor Ort sind aber noch nie einen Touristen gesehen haben, wissen wir wieso.
Gepäck geholt, Kippe angesteckt, Taxi gerufen und ins Zentrum von Addis gefahren. Eine Blechlawine alter Autos ohne Abgasfilter, kleine Kinder die auf der Strasse leben, Kriegsveteranen, die praktisch nur noch ein Torso sind, die aber irgendwie alleine klarkommen. Dazu Farben, Gerüche, Gelächter, Sonnenschein. Gegensätze die zusammengehen, als wären es gar keine.
Im Hotel schnell den besten Kaffee im Diesseits getrunken, geduscht, zurück zum Flughafen, Inlandflug nach Norden. Norden heisst Berge, kaktusüberwachsen, staubig, heiss. Die Hänge sind schwindelerregend hoch. Ein Paradies für Biker und Hiker. Einfach auf keine der wenigen noch vorhandenen Minen treten, welche die eritreische Armee hinterlassen hat, als sie 1998 das Gebiet besetzen wollte. Gibt es aber fast keine mehr. Und wenn, dann sind sie von Erwachsenen leicht zu erkennen: Sie sehen aus wie Kinderspielzeug.
Der kostengünstigste Weg Minen zu Räumen
1. Man nehme eine Herde mit Ziegen, Schafen und Kühen.
2. Man zäune das zu räumende Gebiet ein.
3. Man lasse die Tiere eine Woche (je nach Grösse des Gebiets) grasen.
4. Man schaue dem "Spektakel" aus der Ferne zu.
Übernachtet in einem katholischen Schwesternhaus. Gegessen beim Pfarrer. Man hat eine Ziege für uns geschlachtet. Wir assen sie gezwungenermassen fast ganz. Viel Bier. Als Weisser in Äthopien ist man so prominent, dass ein Diner mit dem Bischof kein Problem ist. Ausserdem gibt es Priester die wie Denzel Washington aussehen.
Ein paar Tage später der Flug in den Osten. Über 35 Grad am Tag, 30 Grad in der Nacht. Viele Muezzin; wache jeden morgen mit "Allah-Allaaaaaah" auf. Als erstes einen kalten Eimer Wasser über sich selbst giessen hilft - für zwei Minuten nicht am schwitzen.
Besuch des Flüchtlinglagers der Flutkatastrophe. Schreibe die Eindrücke ins Blog. Habe für ein Abend lang Ruhe vor zuvielen Gedanken. Wir besuchen ein Heim. Die Schwestern die es führen sind die stärksten Frauen der Welt. Sie nehmen alle auf, die niemanden mehr haben. Hängengebliebene Tchad-Abhängige, ruhig auf Medikamente wartend bei Mozartklängen (Tchad ist ein Büschel Blätter mit ähnlicher Wirkung wie Cocablätter). Tuberkulose, im letzten Stadium. AIDS, letztes Stadium. Misshandelte Hausfrauen, letztes Stadium. Ein Mädchen, 15 Jahre, Melonengrosser Wasserkopf. Singt mit einer Schwester ein Lied. Alles verschwimmt.
Viel Bier spült die Eindrücke runter. Zigaretten für die Ruhe. Ruhe. Ein Deutscher verwandt mit Engels und Marx's Frau ist die Ruhe an sich. Entwicklungshelfer sind entweder unerfahren und depressiv oder liebenswerte Chaoten die bei einer Schiesserei erst ihren Tee austrinken, bevor sie im letzten Moment abhauen. Mit Ihnen werden keine langweiligen Geschichten erzählt. Alles ist brisant, witzig. Geschichten von der weiten Welt.
Irgendwie schon wieder Rückfahrt, Rückflug, Rückzug. Noch nicht genug gesehen. Nicht genug erlebt. Zwei Wochen fühlen sich an wie ein ganzes Jahr. Wie der Bruchteil einer Sekunde.
Irgendwie zurück. Alles noch dran, Glück. Grosse Augen. Diese Welt? Hier lebe ich? Man lacht über die 5 Minuten Zugverspätung die den Reisenden gewissenhaft mitgeteilt wird. Das erste Glas Wasser aus der Leitung macht einen noch misstrauisch. Kann ich das trinken?
Zurück bei der Arbeit. Reizlosigkeit fürs Auge. Alles altbekannt. Die ewiggleichen Gesichter auf dem Bus am Morgen. Erlebnisse verblassen bereits. Doch bleiben immer mein, werden nie vergessen.
Ich muss wieder weg.
Es lässt mich nicht mehr los.
Das soll ein Leben sein?




