Hippie-Core
Der Fehler war eigentlich absehbar.. und doch.. nun, man will ja keine Vorurteile haben, dachte ich mir noch auf dem Weg durch das Zuger Neu-Köln: Das "Herti"-Quartier. Vielleicht wird ja alles anders als gedacht. Also rauf die Treppen und rein in eine Party voller Freunde des Emos.
Die Welle aus Amerika ist noch nicht ganz hier, doch sie ist sichtbar. Emos werden bald zum Strassenbild gehören, wie vor Ihnen die Punks oder Raver, HipHopper oder Hippies. Ins Gesicht gekämmte Haare, tiefschwarz geschminkte Augenringe mit traurigen Augen und depressive Stimmungen an Konzerten erwarten uns!
Well, I'm not okay
I'm not o-fucking-kay
- My Chemical Romance

Emo, damit das geklärt wäre, kommt von Emotional und bezieht sich auf einen Musikstil welcher sich irgendwann nach 1980 aus dem US Hardcore herausbildete und sich von da an mehr oder weniger Richtung Pop-Punk entwickelt hat. Das ist etwas verkürzt, schliesslich entstand durch den Emo auch der Emocore (etwas Geschrei) und der Screamo (nur Geschrei). Doch für diese Polemik soll das bisschen Geschichte reichen.
Ihr erratet es bereits, diese nie ganz zu leugnende Nähe zum Pop-Punk, sowie das Klischee des depressiven, gefühlsvollen und unsicheren Emo-Fans führte dazu, dass Emos ganz viele natürliche Feinde haben: Die wesentlich "männlicheren", härteren Szenenmenschen aus Punk- und Hardcoreszene, sowie alle glücklichen Menschen und sowieso die, welche mit jeder Form von Geschrei in Musik nichts anfangen können.
Man lächelt über die Emos und ein bisschen verabscheut man sie auch für ihr so trauriges auftreten. Nur... Wieso eigentlich? Genau das fragte ich mich VOR dem Betreten der Emo-Party.
Der Zerfall begann schleichend.. waren meine Freundin, mein Kumpel und ich noch leicht irritert ob der Vernunft der Partygäste - auf dem Balkon wurde wegen der Nachbarn grösste Rücksicht eingehalten - verschlug es uns dann ab der "Live"-Musik im Innern der Wohnung beinahe das Atmen.
Ich mag romantisches Gitarrenspiel am Lagerfeuer, aber das Fans einer Musikrichtung, die dem Punk doch irgendwie nahestehen, Green-Day auf der Gitarre schrummen und dazu geschlossen mitsingen, nein das hätt ich nicht erwartet. Genau DAS war also der Tiefpunkt nach 5 Jahren Politik, Punk und Hass auf die Gesellschaft. Ein kalter, dumpfer, diffuser Schmerz.
Why did I care, how did it go
Wait for a while and I guess that
I wont be around here for too very long
- Straylight Run
Um noch etwas klar zu stellen. Ich höre viel Emocore. Es gibt da Bands die ich mag, mit Texten die ich mag. Ich hege keinen Hass auf Emos, weil sie mit Geschlechternormen brechen spielen, das ist sogar das symphatische an Ihnen. Doch die Party am Samstag war anders.
Das war nicht melodiöser Punk, sondern punkige Hippie-Mucke. Hippie-core wenn man so will. Szenengänger sollten stören oder auffallen, sonst sind sie langweilig. Irgendwie sollte ein gewisses, egal wie unterentwickeltes revolutionäres Potential da sein. "Sonst kann ich ja auch an einen Schlagerabend" dachte ich mir bevor wir uns schliesslich unter Ausflüchten aus dem Staub machten um unsere Stimmung, die ebenfalls depressive Züge anzunehmen begann, für den Rest vom Abend im Alkohol zu ertränken.
Eins weiss ich seit dieser Party genau. Emo a.k.a Hippie-Core a.k.a Hippie-Punk ist die Synthese von Depression, Bürgerlichkeit und Punk. Gemacht von den Menschen, die den Untergang besingen, bevor er sich überhaupt abzeichnet. Gefühltes Festhalten. No-Future-Poesie. Eine Pop-Musikrichtung die keinen Underground kennt. Man sollte Emo-Musik eine Chance geben, denn irgendetwas hat sie. Aber um Himmels willen: Holt euch eure Freunde woanders! Sonst verliert ihr eure Jugend.



