Von Vuvuzelas und Ratlosigkeit
Juni 26, 2010
Wir schreiben den 11. Juni 2010. Nach zwei Jahren Katastrophen-Bombardement ist endlich WM. Sechs Wochen Schlagzeilen in denen keine Märkte implodieren, keine Vögel verrecken und keine Flugzeuge am Boden bleiben. Endlich WM!
Fernseher läuft, Bier ist kalt, Chips sind nah. Wie die Kamera ins Stadion schwenkt beginnt das hart ersparte Surround-Sound System rumzumacken. Ein bienen-summ-tröt Sound übertönt den verzweifelten Sprecher mit Leichtigkeit. Tröröö, weil fuck you.
Bei den TV-Stationen schrillt das Telefon, Medien verkünden den Untergang der WM, Multikulti-Rassisten beschwören die uralte Kultur der Plastiktüten. Geht denn eigentlich gar nichts gut im gelobten Jahr 2010 nach Christus? Trörööö, weil fuck you.
Es ist die ultimative Troll-Aktion. Die so einfache wie geniale Antwort auf den ganzen Scheiss menschlichen Daseins heute. Hört doch was sie reden: Aufschwung, Abschwung, Sparen, faule Griechen, faule Spanier, herrische Deutsche, Obama hier, China da, Jugend ohne Ausbildung, ohne Arbeit und gewalttätig, Öl an deinen Stränden, in deinem Futter, deinen Kleidern, Rauchverbot, Fastfood verbot, Ausgehverbot, nach Hause geh'n um 12, Drogenszene im Kindergarten, Berlusconi und Kim Jong Il, Rauchpetarden, Schlagstöcke, Krieg auf Irans Strassen, help yourself bei Foxconn, Israel ins Meer, Israel auf dem Meer, Gaza und Friedensnobelpreis für kleine gefickte Kindersoldaten...
Bringt das Gedröhne hierher, jetzt, links, rechts. Ich will die ganzen 120 Dezibel um den Rest nicht mehr hören zu müssen.
Die Lawine von Geschwätz über eine Welt deren schlaflose Aktivität nur das Nichts, die Substanzlosigkeit des Ganzen überspielt. Nicht das Problem unserer Zeit, nein. Ein Tag nach dem ersten Spiel war die Aufregung ob den Vuvus in meinem Betrieb höher als an dem Tag als die Löhne eingefroren, 10% entlassen und die verbliebene Belegschaft mit Bullshit gemästet wurde.
Fukuyama traf den Nagel unverhofft auf den Kopf. Der Kapitalismus ist ein würdiger Kandidat für das Ende der Geschichte, denn in diesen Tagen des Spätkapitalismus ist der Traum einer Überwindung desselben Tod, wie die Sümpfe des Niger Deltas.
Was bleibt einem da noch? Wer mag das noch erklären? Wer ver-mag es überhaupt?
Jeder Protest, jedes "mir reicht's!" ist doch längst seiner Kraft beraubt. Ich kann die Welt doch kritisieren so viel ich will, sie funktioniert doch weiter. Der Kapitalismus ist für sich dermassen ideologie-indifferent, dass er jegliches Subjekt perfekt integrieren kann.
Shit, ich schreibe das hier auf Arbeit, hasse die Scheisse heimlich vor mich hin und bin doch ein perfekt funktionierendes Mitglied der Gesellschaft. Und denkt nicht dass der Kapitalismus sich ändern würde, wenn ich hier meine Stimme erhöbe. Ich würde gefeuert, klar, aber nicht weil der Kapitalismus mit mir und meinen Gedanken ein Problem hat. Sondern schlicht weil ich von Bürgis umzingelt bin.
Bin ich nämlich profit-bringend genug, so bin ich nützlich, egal was ich denke oder sage. Für den Markt werde ich sogar attraktiver, weil ich nachweislich die Fähigkeit besitze Out-Of-The-Box zu denken. Angepasste Studenten von der Uni will ja kaum noch jemand einstellen.
Glücklicherweise denke ich von Tag zu Tag weiter, sonst müsste ich mich längst der Befürchtung ergeben, wir seien nicht mehr Subjekte unseres Lebens, sondern hilflose Beobachter einer unendlichen Katastrophe.
Zum Glück, denn das Verständnis dass ich mir erarbeitet und von anderen vermittelt bekommen habe, es kann mit einem Konzept einer Unendlichen Geschichte wenig anfangen. Keine Sorge meine Freunde, aber wenn ich jetzt wüsste dass es in meinem Leben nie zu einem radikalen Schritt nach Vorne kommt, was hielte mich dann noch? Nichts, bis auf das Vergessen, die Ignoranz, die Abwendung von allem was mir was bedeutet.
Ich bin nicht müde, am Ende, frustriert oder irgend sonst was bestimmtes. Ziemlich genau 10 Jahre nach meiner Politisierung frage ich nur noch: Und jetzt? Pferde satteln und weiterreiten? Damn...
Dabei wäre es so einfach, denn würden wir alle zusammen halten, auf die Strassen gehen und alles niederreissen, Banden bilden, das falsche Ganze einfach verneinen und uns von unseren FesselnTRÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖ-
TRÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖ-
TRÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖ.........
Tröröö weil fuck you.






